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IVF: Blick in die Forschung der Reproduktionsmediziner

In-vitro-Fertilisation: Blick in die Forschung der Reproduktionsmediziner
Deutsches Ärzteblatt 96, Ausgabe 28-29 vom 19.07.1999, Seite A-1882 / B-1588 / C-1484

Fehlbildungen bei Kindern, Tiefkühllagerung von Ovarialgewebe, In-vitro-Maturation von frühen Follikelstadien und "Verjüngungskuren" für Eizellen waren Themen auf dem 11. Weltkongreß für In-vitro-Fertilisation und Reproduktionsgenetik in Sydney.

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Gegen die immer wieder geäußerte Befürchtung, wonach die intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) zu vermehrten Fehlbildungen bei Kindern führen soll, können jetzt neben den Brüsseler Daten auch die Ergebnisse aus dem fünften Kontinent ins Feld geführt werden: Mit einer Gesamt-Inzidenz von 2,5 Prozent liegt die Rate in Australien und Neuseeland bei inzwischen 2 200 untersuchten Kindern nicht höher als in der Normalpopulation. Wie Prof. Paul Lancaster (Melbourne) beim 11. Weltkongreß für In-vitro-Fertilisation und Reproduktionsgenetik in Sydney weiter ausführte, fanden sich in der Analyse vergleichbare Raten von Spontanaborten wie bei vorausgegangenen In-vitro-Fertilisationen (IVF). Die etwas erhöhte Rate von Neuralrohrdefekten im ICSIKollektiv lasse sich insofern nicht kommentieren, als für spontan konzipierte Schwangerschaften keine Angaben zur Zahl der Interruptionen aufgrund dieser Diagnose vorliegen.

Primordialfollikel von Mäusen reiften in vitro

Die meisten Nachbeobachtungen von IVF-Kindern waren fokussiert auf "das" Kind und "die Eltern", nicht aber auf die gesamte Familie. Catherine McMahon (St. Leonards) hat beim IVF-Weltkongreß in Sydney die erste Studie vorgestellt, bei der nach später geborenen Geschwistern gefragt wur-de. Bei der Befragung von australischen Müttern, die sich freiwillig gemeldet hatten, ergab die Auswertung drei unterschiedliche Gruppen:
- Die Hälfte der Frauen hat so viele oder sogar mehr Kinder als "geplant". Von 39 Frauen haben inzwischen 43 Prozent ein zweites oder drittes Kind, das natürlich konzipiert wurde, zum überwiegenden Teil (88 Prozent) ungeplant. - Ein Fünftel ist zufrieden mit dem IVF-Einzelkind und wünscht sich keine weiteren Kinder mehr.
- Knapp ein Drittel der Frauen gibt anhaltende Probleme durch die Sterilität an: Trotz erneuter Behandlungsversuche - im Maximalfall 13 Zyklen - hatte die Familie keinen weiteren Zuwachs mehr bekommen.

Mit einer klaren Warnung vor übereilten "Hilfestellungen" für Frauen, die Ovargewebe oder gar frühe Follikelstadien als "Fertilitätsversicherung" hinterlegen, hat Prof. John Eppig (Boston) in Sydney aufgewartet: Die In-vitro-Maturation von frühen Follikelstadien kann mit schwerwiegenden Folgen für die Nachkommen einhergehen, wenn sich die wenigen bisher vorliegenden Beobachtungen aus Tierversuchen bestätigen.

Eppigs Arbeitsgruppe ist es weltweit als erster und einziger gelungen, bei Mäusen Primordialfollikel in vitro reifen zu lassen; aus mehr als 200 Follikeln sind zwei Nachkommen ent-standen, von denen einer sofort verstarb. Der zweite, "Eggbert", verhielt sich sieben Monate lang völlig normal, zeugte Nachkommen - wurde dann aber extrem dick und verhaltensgestört. Die Obduktion ergab schwerwiegende Befunde: Im Pankreas fand sich eine Inselzell-Hyperplasie, im Darmbereich ein Lymphosarkom, zusätzlich wurde ein interner Hydrocephalus gesichert. "Die Ursache für diese Veränderung mag in den Kulturbedingungen liegen. Äußerst beunruhigend für uns ist aber, daß die Veränderungen mit Eggbert erst relativ spät einsetzten. Wenn die In-vitro-Maturation aber mit deletären Late-onset-Effekten einhergeht, haben wir ein Riesenproblem." Eppig forderte deshalb vehement entsprechende Tierversuche, bevor eine neue Methode wie diese in der Humanmedizin angeboten wird. Ähnlich kritisch äußerte sich auch Dr. Robert Gosden (Leeds) zu den bisherigen Erfahrungen mit der Tiefkühllagerung von Ovarialgewebe für spätere Schwangerschaften. Die Forschung verläuft hier überwiegend nach dem Prinzip "try and error"; Autografts wären einfacher, bergen jedoch die Gefahr einer Rückübertragung eines behandelten Tumors. Und die prinzipiell mögliche Übertragung von Ovarialgewebe auf eine Maus dürfte am Widerstand der betroffenen Frauen scheitern.

Angesichts der rapiden Zunahme des "ovarian banking" ermahnte Gosden die Zuhörer zur äußersten Zurückhaltung - nicht zuletzt aufgrund der "unterentwickelten" Technologie zur Reifung der verschiedenen Follikelstadien. "Das Tiefkühlen von Ovarialgewebe ist nicht die Lösung für alle Patientinnen, die eine Erhaltung der Fertilität wünschen. Es handelt sich nur um die Spitze des Eisbergs einer neuen Technologie, die erst entwickelt werden muß. Ob im Einzelfall - mit der Hoffnung auf entsprechende zukünftige Möglichkeiten - eine Kryokonservierung vorgenommen wird oder nicht, müssen Arzt und Patienten auf Basis des derzeitigen Wissens individuell entscheiden."

Ziemlich unbeeindruckt von diesen Warnungen zeigte sich Prof. Kwang-Jul Cha (New York), der über 20 Babies von 17 PCO-Patientinnen berichtete; die Schwangerschaften waren nach einer IVM von unreifen Eizellen (Follikeldurchmesser zehn Millimeter) aus nichtstimulierten Zyklen mit ICSI induziert worden. Von insgesamt 1 280 aspirierten Follikeln ließen sich 62 Prozent in vitro reifen. Die entstandenen Embryonen zeigten laut Cha jedoch ein schlechtes Entwicklungspotential, die Implantationsraten bezifferte er auf 6,9 Prozent. Deshalb plant Cha, in Zukunft eine Eizellbank einzurichten, bei der die Follikel aus Ovarialbiopsaten via Vitrifikation tiefgefroren werden, mit vorheriger oder anschließender Reifung. Hinsichtlich möglicher Probleme bei den Kindern schien sich Cha wenig Gedanken zu machen: Die Pränataldiagnostik habe keine Auffälligkeiten gezeigt, bei einem Abort seien jedoch "Störungen" gesichert worden.

Mit einer "Verjüngungskur" für Eizellen wollen US-Kliniker in Zukunft die Natur überlisten, um auch älteren Frauen ihren Kinderwunsch zu ermöglichen. Die "Therapie" beruht auf der Hypothese, daß das Zytoplasma von Eizellen jüngerer Frauen bestimmte - unbekannte - Faktoren enthält, die bei älteren Frauen fehlen oder funktionell defekt sind.

Prof. Jacques Cohen und sein Team (New Jersey) injizieren deshalb "junges" Zytoplasma aus Donor-Eizellen in Eizellen von älteren Patientinnen. Beim 11. IVF-Weltkongreß in Sydney präsentierte er das vorläufige Ergebnis von 20 Versuchen bei 18 Patientinnen: fünf Geburten, fünf fortlaufende Schwangerschaften, ein Abort.

Zytoplasmatransfer in Deutschland verboten Cohen gab im Gespräch unumwunden zu, daß es sich um ein rein experimentelles Vorgehen auf der Basis einer reinen Hypothese handelt. Er setzt die Methode nur in den Fällen ein, in denen bei vier vorausgegangenen Zyklen von In-vitro-Fertilisation oder ICSI eine ausreichende Zahl von Eizellen zur Befruchtung vorlag, bei denen jedoch die weitere Entwicklung zu qualitativ schlechten Embryonen führte und keine Implantation erfolgte. Bei den geborenen Kindern konnte Cohen nachweisen, daß bestimmte Faktoren aus dem Donor-Zytoplasma in den Embryo inkorporiert werden und beim Säugling nachzuweisen sind, etwa mitochondriale DNA. Da die Auswirkungen einer derartigen transgenen Technik, die in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten ist, für die Nachkommen nicht klar sind, warnten die Experten vor einer überstürzten Euphorie und forderten die strikte Limitierung des Zytoplasmatransfers auf ein Zentrum, an dem die Implikationen wissenschaftlich erhoben werden. Tiermodelle zur Abschätzung der Risiken sind nach Worten von Cohen schwierig, da eine vergleichbare Abnahme der Fertilität mit dem Alter im Tiermodell normalerweise nicht vorkommt. Bei einem speziellen Inzucht-Mäusestamm hat er jedoch eine Bstätigung für seine Ausgangshypothese gefunden: Die Eizellen dieser Mäuse lassen sich zwar befruchten, entwickeln sich aufgrund eines Defektes nur bis zum Zweizellstadium. Injiziert man hier das Zytoplasma von "normalen" Mäuseeizellen, verläuft die weitere Embryonalentwicklung normal. In der ersten Generation der Nachkommen hätten sich keine Auf-fälligkeiten gezeigt, so Cohen auf Anfrage. Dr. Renate Leinmüller

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