Babymacher in der Krise
Babymacher in der Krise
Eigentlich ist künstliche Befruchtung ein Wachstumsmarkt. Doch nach der Gesundheitsreform bricht der Umsatz der Branche empfindlich ein
von Elisabeth Schönert
Technorati Tags: ICSI, IVF, Kinderwunsch, Kosten
Professor Katzorke ist ein wenig verzweifelt. Er könne schließlich nichts anderes als Kinder machen, sagt er und schaut durch seine runde, braune Hornbrille. Und Kinder, genauer Embryonen zeugen, das kann Professor Katzorke wirklich gut. 60 000 Menschen hat der Reproduktionsmediziner in den letzten zwanzig Jahren zum Leben verholfen und damit die Grundlagen für eine größere Kleinstadt in den Petrischalen seiner Essener Praxis gelegt. Sein "Kinderwunschzentrum novum" ist eines der ältesten Zentren für Fortpflanzungsmedizin der Welt.
Doch inzwischen läuft die Praxis schleppend. Wie alle Reproduktionsmediziner Deutschlands hat auch Thomas Katzorke in den vergangenen Monaten weniger künstliche Befruchtungen vorgenommen als in den Jahren zuvor. "Die 2004 eingeführte Eigenbeteiligung der Patienten bei der In-vitro-Fertilisation führt dazu, daß in Deutschland letztes Jahr etwa 10 000 Kinder weniger auf diese Weise gezeugt wurden", erklärt Dr. Michael Thaele, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands. "Das entspricht einem Rückgang von 50 Prozent."
Die Ursache ist in diesem Falle ungewöhnlich leicht zu finden. Die seit der Gesundheitsreform geforderte Zuzahlung der Patienten bei künstlicher Befruchtung hat zur Konsequenz, daß die sowieso schon sinkenden Geburtenzahlen in Deutschland noch stärker abfallen. Mit einer Eigenbeteiligung von 50 Prozent ist vielen die ärztliche Hilfe zum Kind in wirtschaftlich schlechten Zeiten schlicht zu teuer. Die Folgen für die demographisch eh schon kränkelnde Gesellschaft sind bitter. "In den vergangenen Jahren nahm die Zahl der insgesamt geborenen Kinder in Deutschland jährlich um etwa 10 000 ab, durch die Reform wird der Geburtenrückgang doppelt so stark ausfallen", rechnet Thaele.
Daß die jüngst vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten, vorläufigen Geburtenzahlen für 2004 einen ungewöhnlich niedrigen Geburtenrückgang von nur 3300 gegenüber 2003 ausweisen, hat seinen Ursprung ebenfalls in der Reform. Während andere Patienten im Jahr vor dem Inkrafttreten des Gesetzes Medikamente hamsterten, so stürmten 2003 kinderwünschende Paare die Fortpflanzungskliniken - vor Augen das Modernisierungsgesetz und steigende Kosten. "Wir haben wie verrückt gearbeitet", beschreibt Katzorke das Jahr 2003 und spricht von 40 Prozent mehr Patienten.
Heute dagegen steckt manche der 112 deutschen Reproduktionskliniken in der Krise. Thomas Katzorke ist sicher, daß einige Praxen die Reform nicht überleben werden. Verbandschef Thaele, der selber eine Fortpflanzungspraxis führt, spricht von einem "starken Einbruch". Einer der vier Ärzte seiner Klinik sei bereits ausgeschieden. "In der Branche kommt es zu einem Personalabbau von etwa 30 Prozent", berichtet er.
Es trifft zum Teil hoch spezialisiertes Personal: Biologen, Medizinisch-Technische-Angestellte, die jahrelange Erfahrung in dieser Nischenmedizin haben und nur schwer wieder zu ersetzen sein werden. Aber ein Rückgang der Kassenpatienten um 42 Prozent hinterläßt eben Spuren.
Durch die 50prozentige Zuzahlung bei Medikamenten- und Behandlungskosten im Rahmen der künstlichen Befruchtung rutscht Deutschland im europäischen Vergleich ins hintere Mittelfeld ab. Waren die gesetzlichen Kassen vor der Reform mit der 100prozentigen Erstattung so großzügig wie die Franzosen, Schweden oder Niederländer, sind heute nur noch die kinderlosen Paare in Portugal und Griechenland schlechter gestellt als die deutschen.


Aktuellste Artikel zu diesem Thema