Künstlich gezeugte Kinder sind ein bißchen intelligenter
Brüssel - Sind Methoden der künstlichen Befruchtung angesichts mangelnder Langzeiterfahrung wirklich als sicher zu bezeichnen? So lautet eine kritische Frage an Reproduktionsmediziner. Jetzt gaben Mediziner der Freien Universität Brüssel auf der Tagung der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie in Kopenhagen zumindest für einen Aspekt Entwarnung: Nach Erkenntnissen von Lize Leunen und ihrem Team sind Kinder, die mit der sogenannten Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) im Labor gezeugt wurden, im Schnitt sogar etwas intelligenter als natürlich gezeugte Kinder.
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Bei ICSI werden Spermien im Labor durch die Zellwand hindurch in die Eizelle injiziert. Die Methode greift also stärker ein als die Standardvariante der künstlichen Befruchtung, bei der Spermien und Eizellen einfach zusammengebracht werden und selbsttätig verschmelzen. Einige kleinere Studien hatten ab 1998 berichtet, daß mit ICSI gezeugte Kinder im Alter von fünf Jahren leichte Entwicklungsverzögerungen zeigen. In späteren Untersuchungen war das nicht mehr bestätigt worden.
Das belgische Team hatte nun 151 ICSI-Kinder im Alter von acht Jahren mit 153 natürlich gezeugten verglichen. Danach gab es in den motorischen Fähigkeiten keine Unterschiede, die ICSI-Kinder zeichneten sich jedoch durch eine leicht erhöhte Intelligenz aus.
Die Kinder der ICSI-Gruppe und der Kontrollgruppe stammten aus vergleichbaren sozialen Milieus, und die Eltern hatten eine vergleichbare Bildung. Die Unterschiede scheinen auf den ersten Blick also auf die Zeugungsmethode hinzudeuten. Die Forscher gehen jedoch davon aus, daß die leicht erhöhte Intelligenz auf der besonderen Förderung der ICSI-Kinder durch ihre Eltern beruht. Möglicherweise seien diese aufgrund des zunächst unerfüllten Kinderwunsches und der besonderen Mühen der Fruchtbarkeitsbehandlungen bei der Kindesförderung besonders motiviert. Der leichte Vorteil, schlußfolgern die belgischen Wissenschaftler, habe nichts mit der Zeugungsmethode an sich zu tun.
Noch ist die Debatte nicht beendet. Andere Forscher geben zu bedenken, daß ein Drittel der von Leunen angefragten Eltern sich weigerten, an der Studie teilzunehmen. Das könne die Ergebnisse beeinträchtigt haben. Leunen selbst räumt ein, daß sie mögliche Geburtskomplikationen bei den beiden Gruppen nicht berücksichtigt habe. Auch das habe die Ergebnisse eventuell leicht beeinflußt.
Mediziner und Psychologen glauben, daß auch die in früheren Studien gefundene leichte Entwicklungsverzögerung noch kleiner ICSI-Kinder auf dem unterschiedlichen Elternverhalten basiert. Einige Studien legen nahe, daß die Mütter dieser Kinder zu einer besonderen Fürsorge - oder auch Kontrolle - neigen. Sie tendierten dazu, die Kinder durchweg selbst zu betreuen, statt sie zeitweise in Kindergärten oder Spielgruppen zu geben. Das könne jedoch persönliche Entwicklung und Sozialverhalten etwas verzögern.
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