Praktikum verdrängt Kinderwunsch
Frankfurt/Main (AP) Eigentlich haben sie alles richtig gemacht: Sie sind Mitte 20, haben einen Uni-Abschluss in der Tasche und sind hoch motiviert. Doch statt im Beruf durchzustarten, arbeiten Zehntausende Uni-Absolventen als Dauer-Praktikanten. Und das in einem Alter, in dem viele eigentlich Kinder möchten: «Ich sehne mich danach, Mutter zu werden. Aber wie soll das gehen, wenn ich einfach keinen Fuß in die Tür kriege?», sagt die 28-jährige Oldenburgerin Ines, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte.
Mehr als 30 Prozent der Akademikerinnen, so die Ergebnisse verschiedener Statistiken und Schätzungen, bleiben dauerhaft ohne Kinder, weil sie der Karriere Vorrang einräumen. Oder, weil sie wie Ines beruflich gar nicht erst auf die Beine kommen: Statt in ihrem Beruf als Umweltwissenschaftlerin zu arbeiten, fror sie den Dezember über hinter einem Stand auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt und verkaufte Kunsthandwerk. Auch im neuen Jahr wird sich Ines den Traum von der eigenen Familie wohl nicht erfüllen können: «Vom Gefühl her wäre es genau die richtige Zeit. Aber die Angst vor der Zukunft ist einfach größer.»
So wie der 28-Jährigen geht es Zehntausenden von Jung-Akademikern aus der «Generation Praktikum» - ein Schlagwort, das bei der Wahl zum Wort des Jahres 2006 ganz weit vorne landete. Fast die Hälfte aller Praktikumsplätze für Hochschulabsolventen seien in Wirklichkeit getarnte Vollzeitjobs, schätzt der Deutsche Gewerkschaftsbund. Die für Vollzeitarbeit fälligen Löhne und Sozialabgaben würden vier von zehn Praktikanten mit Uni-Abschluss vorenthalten.
«In meiner Situation sagt man sich einfach: Mein Kind soll nicht in die Armut hineingeboren werden», berichtet die 28-jährige Pamela. Vor drei Jahren schloss sie ihr Studium der Kulturwirtschaft ab. Doch danach habe es nur zu einem «Stückel-Lebenslauf» mit schlecht bezahlten Praktika und Kurzzeitverträgen gereicht.
Ein paar hundert Euro Aufwandsentschädigung gab es für ihr erstes Praktikum, das in Wirklichkeit die reguläre Arbeit einer Politikberaterin war. Danach folgten Kurzzeitverträge, bis die Firma sie nicht mehr bezahlen konnte. «Wenn es anders gelaufen wäre, könnte ich jetzt drei Jahre Berufserfahrung vorweisen und ein Kind bekommen.» Früher habe sie sich vorgenommen, das erste Kind spätestens mit Ende 20 zu bekommen. «Aber im Moment bleibt mir nicht anderes, als den Kinderwunsch zu verdrängen», sagt sie.
Mit 8,3 Kindern pro 1.000 Einwohner lag Deutschland im europäischen Vergleich zuletzt weit hinten. Dabei würden Akademiker wie Pamela gerne etwas dazu beitragen, die Statistik zu verbessern. Lediglich sechs Prozent der Studierenden sind sich sicher, dass sie ganz auf Kinder verzichten wollen, wie das Hochschul-Informations-System ermittelte. Doch bei der letzten Erhebung des Statistischen Bundesamtes waren 94 Prozent der 25- bis 28-Jährigen kinderlos (im Osten 87 Prozent). Dagegen hatte jede zweite Hauptschulabsolventin aus dieser Altersgruppe bereits mindestens ein Kind. Bei den Akademikerinnen zwischen 29 und 32 Jahren waren immerhin noch 79 (im Osten 64 Prozent) ohne Kind.
Akademische Ausbildung, Karriere und Familie - die «Generation Praktikum» scheint mit dieser Vielfachbelastung überfordert zu sein: «Man fühlt sich überlastet, ausgenutzt, muss ständig Bewerbungen schreiben, lebt aus Koffern und steht gedanklich immer vor dem nächsten Umzug», beschreibt Pamela die Lebenssituation einer Dauerpraktikantin. «Leider ist das kein Leben für Mutter und Kind.»
gelesen bei Yahoo! Nachrichten
« Frohe Weihnachten! | Startseite | 28.12.2006 | 23:00 | Vox: BBC Exklusiv: I'm the Daddy »


Aktuellste Artikel zu diesem Thema